Axel Marquardt




VANISHING POINT


Roman




8

(Falls Sie letztens das 7. Kapitel verpasst haben: Sie finden es unten im Anschluss.)

Am Ende der etwa halbstündigen Fahrt hielt man auf dem internen Parkplatz des Sheriff’s Departments in Guntersville.
Elisabeth wurde in ein Büro beordert, in dem sie einem Beamten in Zivil ihre Angaben wiederholen musste. Der stützte die Ellenbogen auf den Tisch und rieb sich unaufhörlich mit den Fingern die Stirn. Dann sagte er: „Am einfachsten können wir wohl die Sache aus der Welt schaffen, wenn wir Mrs Moody in - “
„Section“, erinnerte ihn Elisabeth.
„Section, richtig, in Section anrufen und sie ihre Version der Geschichte bestätigen lassen.“ So jedenfalls übersetze Elisabeth den für sie in einem schwer verständlichen Amtsamerikanisch abgefassten Satz. „Haben Sie ihre Nummer?“
Die hatte Elisabeth auswendig gelernt, samt Vorwahl.
Der Beamte wählte und lauschte in den Hörer, lauschte wohl drei oder vier Minuten hinein, bis er auflegte.
„Niemand zu Hause“, sagte er.
Natürlich nicht. Marjorie hatte davon gesprochen, dass sie mit Wayne und den Kindern zu ihrer Schwester übers Wochenende nach Huntsville fahren wollte.
„Und was jetzt?“ fragte sie.
„Ich könnte den official anrufen, der für das Verkehrwesen in Jackson County zuständig ist, und mir bestätigen lassen, dass der Wagen auf ihre Mutter zugelassen ist.“
„Es ist nicht meine Mutter, es ist meine Gastmutter“, sagte Elisabeth und fühlte, wie ihr Zorn erwachte.
„Verzeihung, auf den Wagen ihrer Gastmutter, dass der Wagen - es ist eine komplizierte Angelegenheit.“
„Bitte, dann tun Sie das!“
„Es ist nur so“, sagte der Beamte und rieb sich wieder eingehend die Stirn, „erstens ist es Samstag und der official - warten Sie -“ er kramte in seinem Schreibtisch und zog einen abgegriffenen Zettel hervor - „für Jackson County ist das ein Mr Crawford in Scottsboro - und der wird nicht mehr zu erreichen sein.“
„Und zweitens?“ erinnerte ihn Elisabeth abermals.
„Und zweitens?“
„Sie fingen Ihren Satz mit ‚Erstens ist es Samstag’ an.
“Verzeihung, Miss -“
„Marten.“
„ - Marten - Sie sind Deutsche?“
„Ja, ich komme aus Deutschland, und Deutschland ist mittlerweile wiedervereinigt, und die Berliner Mauer gibt es auch nicht mehr.“ Der Zornpegel stieg.
„Oh, ich weiß“, sagte der Beamte, „ich habe eine Schwester in - warten Sie - in Bad Kreuznach, sie ist da mit einem unserer GI’s verheiratet. Sie heißt jetzt Coldwell oder so.“
„Bitte!“ Zorn wich der Verzweiflung.
„Ah ja“, sagte der Beamte, als erinnere er sich an längst Vergangenes. „Selbst wenn ich in Erfahrung brächte, dass der Wagen auf ihre - Gast- richtig? -mutter zugelassen ist, besteht ja das Problem weiter, dass ich nicht wissen kann, ob sie Ihnen das Auto wirklich zur Verfügung gestellt hat, oder -“
„Oder ob ich es gestohlen habe?“
Der Beamte antwortete nicht. Stattdessen begann wieder dieses nervtötende Stirnkneten. „Es geschehen viele hässliche Sachen in dieser Gegend“, sagte er wie träumerisch, „keine Mord, keine Vergewaltigung oder ähnliches, Totschlag zum Beispiel, aber Autodiebstähle sind sozusagen an der Tagesordnung. Wir sind hier ein Teil des Department of Public Security, verstehen Sie, und wir haben nun mal die Pflicht, jedem auch noch so kleinen Verdacht nachzugehen.“
Verzweiflung wich dem Grauen. „Was wollen Sie damit sagen?“ brachte Elisabeth fast lautlos hervor.
„Nach dem Stand der Dinge“, sagte der Beamte, „würde ich annehmen, dass wir abwarten müssen, bis wir Ihre Angaben rektifizieren können. Aber darüber entscheidet letztlich der Sheriff.“
„Sie können mich doch hier nicht festhalten!“ sagte Elisabeth fassungslos.
„Oh doch, oh doch, das können wir in der Tat! Nach meiner Auffassung müssen wir das sogar, aber wie gesagt, in letzter Instanz entscheidet das der Sheriff persönlich.“
„Dann lassen Sie mich mit dem Sheriff persönlich sprechen! Mag sein, dass der nicht so - dass er eine andere Auffassung hat.“
„Wenn er vom Mittagessen zurückkommt, werde ich ihn informieren. Das ist alles, was ich für Sie tun kann.“
Elisabeth versuchte einen letzten Anlauf. „Ich bin Gast Ihres großartigen Landes“, sagte sie, „Gast aufgrund eines Abkommens zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland und Gast aufgrund des J Exchange Program-Gesetzes Ihrer Regierung!“ Und angetrieben von einer Mischung aus Mut und Verzweiflung fügte sie hinzu: „Sie werden Schwierigkeiten bekommen!“
„Auch darüber werde ich den Sheriff informieren“, sagte der Beamte. „Ich denke, er wird in spätestens einer Stunde wieder in seinem Büro sein.“ Er drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch. „Bis dahin betrachten wir Sie als unseren Gast.“
„Sie stecken mich ins Gefängnis?“
„Oh nein, nicht ins Gefängnis. Betrachten Sie es als eine Art Wartezimmer.“
Die Tür in Elisabeths Rücken öffnete sich. Sie wandte sich um. Ein vierschrötiger uniformierter Polizist trat ein, salutierte lässig und fragte knapp: „Wohin?“
Der Beamte wies Elisabeth „Raum 06“ zu. Elisabeth folgte ihrem Begleiter; es ging durch etliche Flure und Korridore, und als sie den zugewiesenen „Raum“ erreicht hatten, war er nichts anderes als ein Käfig in einer Batterie von fünf anderen leeren Käfigen. Der Polizist ließ sie den Inhalt ihrer Taschen leeren, forderte Gürtel und Schnürsenkel und stopfte alles in einen Stoffsack. Dann fragte er Elisabeth, ob sie eine Bibel wolle.
Nein, eine Bibel wolle sie nicht, aber wenn er ihr etwas zu lesen besorgen wolle, dann doch eher Kafka.
„Es tut mir leid“, sagte der Polizist, „aber etwas anderes als die Heilige Schrift ist nicht erlaubt.“ Dann schloss er die Gittertür ab und ging.
Elisabeth setzte sich auf die Pritsche. Sie versuchte, Ruhe in den Strudel ihrer Gedanken zu bringen. Im schlimmsten Fall, das war das Resultat, würde man sie bis zum Montag hier festhalten können, dann würde sich alles aufklären, aber sie zweifelte keine Sekunde daran, dass der schlimmste Fall eintreten werde.
Vielleicht sollte sie sich doch eine Bibel bringen lassen.




7


Marjorie hielt Wort. Sie war zwar am nächsten Morgen schon verschwunden, als Elisabeth aufstand, doch lagen auf dem Küchentisch 433 Dollar. Und am Freitagabend drückte Marjorie ihr den Autoschlüssel in die Hand und sagte, morgen und übermorgen habe sie frei; es sei vollgetankt. Dann ging sie ins Badezimmer und baute sich für Waynes Ankunft zurück.
Elisabeth hatte sich für das Wochenende keinen Plan gemacht. Sie wollte tagsüber einfach durch die Gegend fahren und am Samstagabend vielleicht in „Barbra’s Bar“ gehen, die auf Plakaten eine Saturday Night Discotheque angekündigt hatte, und der Sonntag würde sich schon ergeben.
Sie hatte sich bei Ruben eine Straßenkarte von Jackson County und Umgebung gekauft und mit etwas Proviant versorgt. Sie wollte weg sein, bevor sich die Moodys sich zu ihrem Frühstück zusammensetzten. (Bei Ruben hatte sie sich erkundigt, was ein twat ist, weil sie das Wort nicht in ihrem Dictionary gefunden hatte. Ruben hatte gegrinst und in seinem balkanisch-amerikanischen Deutsch gesagt: „Vornehm ausge-druckt: ein Trottel.“)
Bei ihrem ersten Ausflug hatte sie sich für die Berge entschieden; also wählte sie diesmal die andere Richtung. Farmland, weite Hügel und Wellen, auf denen sich Baumwolle mit Mais und Mais mit Baumwolle abwechselten, jeder Quadratmeter genutzt, vereinzelte Baumgruppen, offensichtlich nur deshalb nicht geschlagen, weil ein Anbau von crop an diesen Orten unmöglich war, keine Wälder, die Straße schnurgerade, alle paar Kilometer Kreuzungen im rechten Winkel mit warnenden Schildern und Aufschriften im Asphalt, die mit der Unaufmerksamkeit der ermüdeten Fahrer rechneten. Der Wagen schnurrte die gesetzlichen 45 mph, Strom- und Telefonleitungen begleiteten ihre Fahrt in regelmäßigen Wellen, und alle fünfzehn Minuten kam ihr ein Wagen entgegen, zumeist Pickups oder kleine Vans. Hin und wieder war auf einem der Hügel ein Farmhaus zu sehen, klein, anderthalbstöckig, dafür mit einer mächtigen Scheune und großen metallenen Silos; dann kamen kleine, schäbige Ortschaften; kleiner und schäbiger noch als Section, und sie drosselte die Geschwindigkeit, wie es ihr die Schilder am Ortseingang vorschrieben, weil sie in ihrer Vorbereitung von der Gnadenlosigkeit der patrols und der Höhe der Strafgelder gelesen hatte.
Deshalb hielt sich ihr Schrecken in Grenzen, als kurz hinter einer Siedlung, die Union Grove oder Grave hieß, zwei Polizeimotorräder mit Blaulichtern im Rückspiegel auftauchten. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte: Rechts ran, Scheibe runter, sitzen bleiben, Hände auf dem Lenkrad und auf Anweisungen warten.
Einer der beiden stoppte links hinter ihrem Wagen im toten Winkel, der andere fuhr langsam an ihr vorbei und stellte seine Maschine quer vor den Wagen.
Die Karikatur eines amerikanischen Highway-Bullen, dachte Elisabeth, wie im Film: Schwarze Uniform, übersät mit Emblemen und Hoheitszeichen, schwarzer Helm, schwarze Sonnenbrille, am Koppel mit metallenem Adlerschloss allerlei Gerätschaften einschließlich Schlagstock und imposanter Pistole.
Er beugte sich hinunter und spähte ins Wageninnere. „Miss“, sagte er und tippte mit dem Finger an seinen Helm.
„Hello, officer“, sagte Elisabeth. Ich bin unschuldig, dachte sie, ich habe nichts zu befürchten. „Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“
„Nein“, sagte der Officer, „und ich hoffe, das bleibt so. Kann ich ihren Führerschein haben?“
„Mein Führerschein ist im - “, sagte Elisabeth, und als ihr das Wort für Handschuhfach nicht einfiel, korrigierte sie: „ - da drin.“
„Dann holen sie ihn langsam dort heraus“, sagte der Officer, und Elisabeth wollte nicht glauben, was sie sah: Er legte tatsächlich seine Hand auf den Pistolenknauf. Gehorsam entnahm sie die Plastikkarte und reichte ihn aus dem Wagen.
„Deutsch“, sagte er
„Ja, deutsch.“
„Ost oder West?“
Elisabeth erschrak. „Es gibt kein Ost oder West mehr“, sagte sie. „Die beiden Teile sind mittlerweile vereint.“
„Und die Berliner Mauer?“
„Existiert auch nicht mehr.“
„Seit wann?“
„Seit zwölf Jahren“, sagte Elisabeth. Der Officer wandte sich seinem unsichtbaren Kollegen zu. „Weißt du, dass es die Berliner Mauer nicht mehr gibt?“ Die Antwort war für Elisabeth nicht zu verstehen.
„Ist das Ihr Wagen?“ fragte der Officer.
„Nein, es ist der Wagen meiner host mom, sie hat ihn mir geliehen.“
„Host mom?“ Der Officer schien sie nicht verstehen.
„Ich bin Au-pair-Mädchen bei der Moody-Familie in Section.“
“Section - ist Jackson County, nicht wahr? Dies ist schon Marshall.“
„Das mag sein. Ich weiß es nicht.“
„Okay“, sagte der Officer. „Ich fahre voraus. Folgen Sie mir.“
„Warum? Ich mache nur einen kleinen Ausflug. Mrs Moody hat mir den Wagen geliehen.“
„Genau das müssen wir überprüfen.“
Es hatte keinen Zweck. Der Officer bestieg sein Motorrad und bedeutete ihr mit einer lässigen Handbewegung, dass sie ihm folgen solle. Der Kollege tauchte wieder im Rückspiegel auf, und zum ersten Mal in ihrem Leben fuhr Elisabeth in Begleitung einer wenn auch kleinen Eskorte.