Axel Marquardt
Umschlag: Michael Sowa

Rosebrock. Roman
München: Verlag Antje Kunstmann 2004
ISBN 3-88897-358-9


Empfehlenswert die Fritz Müller-Zech-Kolumne in der trefflichen Münsteraner Literaturzeitschrift Am Erker.


Und hier die Rezension im Titel-Magazin vom 24. Mai 2004 im Wortlaut (alle Hervorhebungen durch den Autor):


(Online, www.titel-forum.de)


Auf Odyssee im Bergischen


Nachdem es lange, zumindest in Buchform, still war um den famosen Humoristen Axel Marquardt, dessen absurde Geschichten und Gedichte in den achtziger Jahren eine Heimat im Haffmans Verlag hatten, meldete er sich im vergangenen Jahr mit einem wundervoll leichten Sommerroman wieder auf der literarischen Bühne zurück.


"Anselm im Glück" bot – ausgehend von einer düsteren Hafenspelunke in Hamburg – ein furioses Roadmovie voller Finten und Hakenschläge über Norditalien und Monte Carlo nach Sylt. Berthold Rosebrock, der titelgebende Held in Marquardts zweitem Roman, treibt sich in einem ungleich kleineren Radius herum, seine Erlebnisse sind allerdings kaum minder abenteuerlich.

Dem Kölner Banker dämmert am Tag vor seinem dreiundvierzigsten Geburtstag, dass er eine ausgesprochene Pfeife ist. Anlass für Rosebrocks Krise ist weniger sein Alter als vielmehr der Umstand, dass seine Frau sich beide Hände verbrüht hat. Die Unfähigkeit, sich den Windsorknoten selbst zu binden, steht am Beginn einer entmutigenden Bestandsaufnahme: Haushaltsgeräte sind ihm so fremd wie das selbständige Einkaufen.


Hakenschlagende Geschichte


In die trüben Gedanken hinein platzt die Einladung zu einem Klassentreffen in Gummersbach. In einer für ihn ungewöhnlichen Spontaneität sagt Rosebrock zu und begibt sich wenige Tage später auf eine Autofahrt, die ihn in ein Spielcasino und in fremde Betten führen wird, die ihn zum kurzfristigen Hundebesitzer und serbokroatischen Honorarkonsul in Bergisch Gladbach macht, die ihn seiner Frau näher bringt und gleichzeitig die Trennung herbeiführt.

Die irrwitzigen Wendungen, die die Geschichte nimmt, kann sich nur vorstellen, wer Anselm im Glück gelesen hat. Marquardts überbordende Phantasie ist schlicht ohnegleichen in der aktuellen Literaturszene. Mit leichter Feder treibt er die Handlung voran, bereitet in dem Moment, in dem Rosebrock und der Leser gleichermaßen glauben, Luft holen zu können, schon den nächsten Hakenschlag vor.


Liebe zu Lyrik und Alkohol


"Rosebrock" bildet den Gegenpol zu "Anselm im Glück": während Anselm als armer Schlucker stets versucht, an Geld zu kommen (was ihm auch ebenso regelmäßig gelingt, wie es ihm dann wieder durch die Hände rutscht), hat Rosebrock als geschäftsführender Gesellschafter einer Privatbank anfangs keine Geldsorgen – und findet das Glück schließlich in einer ganz anderen Welt als der vertrauten. Beide verbindet ihre ziellose Getriebenheit, vor allem aber die Liebe zur Lyrik, die bei Anselm durch die Bekanntschaft mit einem trinkfreudigen Dichter geweckt wird, bei Rosebrock durch einen zwielichtigen – nicht weniger trinkfreudigen – Hobbypsychologen. Im Alkohol beziehungsweise in dessen ungezügeltem Genuss lässt sich übrigens eine weitere Parallele ziehen – trunken macht aber allein schon die Lektüre von Marquardts Fabulierkunst.


Frank Schorneck



Zwischendurch ein Link auf die Besprechung von Christian Oelemann auf buchkultur.de.



In den Musenblättern schreibt Robert Sernatini die folgende schöne Rezension:



Ein "Taugenichts" unserer Tage


Wer hätte je geglaubt, dass das manchmal etwas verschnarchte Bergische Land der gesalbte Boden für die erst zaghaften dann entschlossenen Schritte eines Mannes in ein nicht beabsichtigtes neues Leben sein könnte? Dem Kölner Privatbankier Hubert Rosebrock geschieht genau das. „Am Tag vor seinem dreiundvierzigsten Geburtstag kam in Hubert Rosebrock der Verdacht auf, dass er eine ausgesprochene Pfeife war“, beginnt Axel Marquardt seinen köstlichen Roman in bester Tradition romantischer Wanderungen und pfiffiger Schelmengeschichten.

Hubert Rosebrock stellt fest, dass er weder eine Espressomaschine bedienen, noch sich nass rasieren oder einen Windsor-Knoten binden kann. Im Grunde kann er nichts. In diese Erkenntnis hinein erreicht ihn die Einladung zu einem Klassentreffen, das ihn nach zwanzig Jahren in Gummersbach mit seiner Abiturientia des Bergischen Gymnasiums zusammen bringen soll. Hubert R. nimmt die Einladung an – der Beginn einer Reise in eine unbekannte Gegenwart, ein nie gekanntes Ich und eine unbestimmte Zukunft. Es schwingt ein wenig vom Eichendorffschen „Taugenichts“ mit, und die große Liebe Marquardts zur deutschen Lyrik lässt nach der vernachlässigten Lektüre des „Conrady“ lechzen.

Der Klappentext des turbulenten kleinen Romans fasst ihn so blendend zusammen, dass hier ein Auszug zitiert werden soll: „Hubert Rosebrock befreit in nächtlichem Coup einen Hund vom Schrottplatz, gewinnt in der Spielbank Hohensyburg 6.800,- Euro, trinkt Pils und Doppelwachholder (sowie Kölsch und Whisky, Anm.), speist mit der göttlichen Magda, kotzt ein Bahnabteil voll, ernennt sich kurzfristig zum serbokroatischen Honorarkonsul in Bergisch Gladbach, baggert Yoko Fröhlich (21) an.“ Er begegnet einem jungen Mann, der sein Leben umkrempelt, macht eine Radtour durchs Bergische Land und sich verdächtig und versteht sich blendend mit seiner Frau, die ihn nicht mehr liebt.

Axel Marquardt, dessen Biographie keinerlei regionale Bezüge aufweist, muss irgendwie auf den verzauberten Charakter der Landschaft zwischen Köln und Kettwig, Gummersbach und Bergisch Gladbach gestoßen sein. Das Ergebnis ist atmosphärisch, doch es macht aus „Rosebrock“ keinen Heimatroman - lässt aber die Intimität zwischen Kölner Kneipen und bergischen Landgasthöfen atmen. Selten nur findet man ein Buch von solch heiterer Leichtigkeit und amüsanter Detailtreue, von einem seit Herbert Rosendorfer längst verloren geglaubten klugen Humor und einer so sympathischen Intelligenz wie dieses. Hubert Rosebrock ist so wenig ein Held wie Sie oder ich. Aber Rosebrock widerfährt etwas ganz Rares: aufgeweckt zu werden, bevor es dazu zu spät ist – und es anzunehmen.




Lesen Sie auch die Rezension auf buchrezensionen-online und in der Neuen Zürcher Zeitung.