Axel Marquardt
Fotos: Thurid Selinger

Anselm im Glück. Roman

Frankfurt: Gerd Haffmans bei Zweitausendeins 2003

ISBN 3-86150-510-X


Im Februar 2007 sollte eine Lizenzausgabe als Taschenbuch im Heyne Verlag erscheinen; warum das bisher nicht geschehen ist, bleibt zunächst ein Geheimnis des Verlags.


Rezension im Titel-Magazin vom 13. März. 2004

(Online, www.titel-forum.de, Rubrik: Romane / Buch der Woche)



Ein furioser Sommerspaß


Marquardts Ideenreichtum ist atemberaubend, seine Prosa so berauschend wie die Unmengen Whisky, die Anselm allabendlich in sich hineinschüttet. Anselm im Glück ist DIE Frühsommerlektüre schlechthin.


„Des Morgens, wenn ich früh aufsteh / dann tut mir meine Birne weh …“ – wer diese richtungsweisenden Zeilen einst reimte, hat Maßstäbe gesetzt in der komischen Lyrik, vor allem aber in der hochkomischen Kurzprosa. Axel Marquardt, als Lyriker auch unter dem Namen Axel Maria Marquardt bekannt, hatte Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre eine verlegerische Heimat im Haffmans Verlag gefunden, wo in den Bänden Der Betriebsdichter (1994) und Die Reisenden (1992) literarische Meilensteine wie „Der Exterminator“, „Die geile Brigitte“ oder „Pygmäen heute (Der Kunstwichser)“ ihresgleichen suchten und fanden. Weniger Beachtung fanden leider die im Rake Verlag erschienenen Werke Die Welt ist ein weiß lackiertes Türblatt (1997) und Die Marschmenschen (1997). Nach dem eher unrühmlichen Abschied Gerd Haffmans aus dem Verlagswesen ist der Verleger – der offenbar literarisch ein weitaus sichereres Händchen hat als buchhalterisch – seit einer Weile im Verlag und Versandbuchhandel von Zweitausendeins beheimatet. Und hier wird nicht nur in Kürze das so sehnsuchtsvoll vermisste Literaturmagazin Der Rabe wieder auferstehen, sondern bereits jetzt das schriftstellerische Werk von Axel Marquardt weitergeführt – und wie!

Anselm im Glück ist Marquardts erster Roman, und man durfte gespannt sein, ob er in der Lage ist, die Komik seiner Kurztexte auch über eine längere Strecke zu halten. Er nimmt uns in diesem Roman mit auf eine wendungs- und fintenreiche Flucht, lässt ein rasantes Roadmovie vor unseren Augen entstehen. Ausgangspunkt ist eine heruntergekommene Hafen-Spelunke nahe Hamburg, das Kap. Seit sechs Jahren Stammgast und dennoch einer der „Neuen“ ist Anselm Feyrig (übrigens nicht identisch mit der gleichnamigen Figur, deren fiktiven Lebenslauf Marquardt im Betriebsdichter aufzeichnete), ein Chronist, Biograph und Drehbuchautor, dessen größte Leistung allerdings im Erschwindeln von Krediten liegt. Wir lernen Anselm kennen, als das Schuldengebirge unaufhaltbar auf ihn niederbricht und ihm nichts anderes bleibt, als vor der Sparkasse, aber vor allem vor einem professionellen Schuldeneintreiber zu fliehen. In Brüssel wähnt er die Lösung seiner Probleme, hatten doch seine Freunde in einem Fax angekündigt, die gemeinsam erarbeitete Vorabendserie sei bei einem Sender angenommen worden und nunmehr winke das große Geld. Doch als er in Brüssel eintrifft, macht alles den Anschein, als sei Anselm verladen worden. Die Freunde sind verzogen, nur ein Bechstein-Flügel von 1915 ziert die leeren Räume. Als Anselm den Flügel an einen Hehler verschachert, ihn aber versehentlich den von den Eigentümern beauftragten Spediteuren aushändigt, erweitert sich der Kreis derer, die Anselm an den Kragen wollen, ein weiteres Mal. Die kuriose Flucht führt Anselm nach Norditalien, nach Monte Carlo und nach Sylt. Glücks- und Pechsträhnen wechseln sich in schwindelerregendem Tempo ab, Anselm wird Millionär und landet kurz darauf im Gefängnis – und nicht nur einmal steht er kurz davor, sein Leben zu verlieren. Ach ja, ganz nebenbei lernt Anselm einen Dichter kennen, den er wegen eines Terminproblems bei einer Lesung vor zwölf Besuchern doubelt – dessen Gedicht, das mit den Versen „Des Morgens, wenn ich früh aufsteh / dann tut mir meine Birne weh“ beginnt, hat es ihm besonders angetan …

Marquardts Ideenreichtum ist atemberaubend, seine Prosa so berauschend wie die Unmengen Whisky, die Anselm allabendlich in sich hineinschüttet. Anselm im Glück ist DIE Frühsommerlektüre schlechthin.


Frank Schorneck




Warnung:


Herrn Stephan Maus hat der Anselm überhaupt nicht gefallen, vorsichtig ausgedrückt. Hier eine kleine Auswahl seiner Sottisen aus der Süddeutschen Zeitung vom 30. Juli 2004:



fade Schelmenposse


das unverbindliche und hundert Prozent nicht amüsante Capriccio


Diese Attitüde des schreibenden Filou, der sich partout als Meister der literarischen Hochkomik inszenieren will, macht dieses flache Vaudeville-Stück so unerträglich.


Marquardts Plotführung wird von närrischer Willkür gesteuert, die nicht etwa das Ergebnis einer überbordenden Phantasie ist, als das sie sich ausgibt, sondern einfach nur von dramaturgischer Einfallslosigkeit zeugt. Mechanisch jagt der Autor seinen Helden in immer neue Spitzkehren. Je lauter die Reifen dabei quietschen, desto mehr Spaß hat der Autor. Leider nur der Autor. Das mag als ironische Brechung von jenen Soap-Strukturen gemeint sein, die der abgebrannte Held zu seinem Unterhalt bemühen möchte. Aber Marquardt spielt eben nicht geschickt mit den populären Erzählmustern, sondern stoppelt seinen Text einfach nach denselben dumpfen Rezepten zusammen, nach denen auch die Vorabendserien geköchelt sind. Warum lesen, was man auch gucken kann?


Fazit:


Abends wenn ich Marquardt les / gärt im Kopf ein übler Käs.





Empfehlung:

Herrn JanvanLeckwitz alias Jens E. Gelbhaar hat der Anselm sehr gefallen. Hier ungekürzt seine lobenden Worte aus Opinio, der Online-Ausgabe der Rheinischen Post:


Ein Roadmovie um einen schreibenden Kreditbetrüger und Hasardeur


"Es war nicht das erste Mal, dass er eine Trophäe mit nach Hause brachte. Der merkwürdigste und bisher als einziger ungeklärte Fall war der eines lebenden Hamsters mitsamt Futter für zwei Tage gewesen, den ein Unbekannter in der Innentasche seines Mantels ausgesetzt hatte. Das Tier hatte bei ihm trotz intensiver Pflege nur vierzehn Tage überlebt, woraus er schloss, dass es ein Weibchen gewesen sein musste."


(Axel Marquardt, „Anselm im Glück“)


Anselm würde wahrscheinlich nicht für Opinio schreiben. Der will nämlich Kohle sehen für sein Geschriebenes, und zwar `ne Menge. Blöd nur, dass ihm die kaum jemand gibt. Umso erstaunlicher, dass er dennoch einen Dispo von 30000 hat. Den hat er Frau Trepenthin zu verdanken, seiner Kundenberaterin bei der Sparkasse. Anselm schreibt nämlich auch Drehbücher, und Frau Trepenthin liebt Fernsehserien. Da reicht es schon, anzudeuten, er sei mit der Hauptdarstellerin aus „Für alle Fälle Stefanie“ auf Du, und schon ist alles wieder gut.


Das Blatt wendet sich, als er einen neuen Kundenberater bekommt. Zwar fällt auch der auf die „Auf Du und Du mit Jauch und Co“-Nummer rein und gibt Anselm einen letzten Kredit, doch nur unter der Maßgabe, sein Konto binnen dreier Wochen auszugleichen. Kurz darauf trudelt bei Anselm ein Fax von Eva und Robert aus Brüssel ein, das einen exzellent dotierten Auftrag für sechs Drehbücher der Bavaria Film in Aussicht stellt. Axel (das nennt man Identifikation! Anm. d. Aut.) jubelt, macht sich auf nach Brüssel – und der Ärger beginnt.


Den zieht Anselm nämlich an wie Scheiße Fliegen. Und der begegnet ihm, noch bevor er seine Flucht antreten kann, in Gestalt eines Schuldeneintreibers. Und der bleibt ihm auf den Fersen. Wo hin er auch geht, und Anselms Weg ist weit.


Der Roman ein Roadmovie, das seinen Protagonisten erst in Brüssel den in der leeren Wohnung seiner „Auftraggeber“ vorgefundenen Flügel an einen Hehler verschachern lässt, um ihn dann, verbunden mit den abstrusesten Nebenhandlungssträngen, via Norditalien und Monte Carlo nach Sylt zu führen. Wo ihm wieder besagter Geldeintreiber an der Seite von Frau Trepenthin begegnet.


All dies beschreibt Axel Marquardt in süffisanter Prosa, so ideenreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag. Hier noch mehr über Anselms Schicksal zu verraten – wer bin ich, euch den Spaß vorweg zu nehmen? Nur so viel: Der Weg bleibt steinig.


„Anselm im Glück“ kann man nur beim guten, alten „2001“-Versand bekommen.


Jens E. Gelbhaar 2005



Und zum Schluss der Link auf die Besprechung in der Neuen Zürcher Zeitung.