Seit einiger Zeit ist Wirtschafts- und Technologieminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt. Wie er da hinein kam, schildert meine Glosse, die am 26. Mai, am 100. Tag seiner ministerialen Karriere, im "Politikum" von WDR 5 zu hören war. Hier ist sie nachzulesen:
Wie der Thanstettner Aloys
Am 7. Februar 2009 klingelte es beim Rentner Aloys Thanstettner, wohnhaft Veilchenweg 13 in Marktschorgast in Oberfranken. Vor der Tür standen zwei Herren, von denen sich einer als Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg , der Generalsekretär der Christlich-Sozialen Union, der andere als dessen Büroleiter vorstellte.
Aloys Thanstettner bat die Beiden herein und fragte sie, ob sie einen Schnaps möchten. Der Büroleiter verneinte, der Generalsekretär nahm die Einladung an, der Büroleiter schloss sich ihm an.
Womit er denn den Besuch der beiden „Großkopfeten“, wie sich Aloys Thanstettner ausdrückte, denn verdiene, fragte der rüstige Rentner.
Der Generalsekretär antwortete mit einer Gegenfrage: Ob er, Aloys Thanstettner, nicht Minister für Wirtschaft und Technologie der Bundesrepublik Deutschland werden wolle. Der Glos Michael habe gerade den Bettel hingeschmissen und nun sei der Posten vakant. Frei, sagte der Büroleiter.
Im Prinzip, sagte Aloys Thanstettner, hätte er nichts dagegen, Wirtschaftsminister zu werden, zutrauen tät er sich’s auch, aber wie sie denn grad auf ihn gekommen seien.
„Nun“, sagte der Generalsekretär, „die Sache ist ganz einfach: Sie sind langjähriges Mitglied der CSU, haben Ihren Wehrdienst bei den Gebirgsjägern in Mittenwald abgeleistet, sind Unteroffizier der Reserve, haben seinerzeit einen Familienbetrieb geleitet und leben in Oberfranken.“
Das sei richtig, sagte Aloys Thanstettner, außerdem sei er katholisch.
Ob es auch richtig sei, dass er zwei Kinder habe, wollte der Büroleiter wissen, zwei Kinder seien wichtig für das Amt.
Zwei Kinder, bestätigte Aloys Thanstettner, den Lothar und die Veronika.
„Sie sind unser Mann, Herr Thanstettner“, sagte der Generalsekretät begeistert, „wann können Sie anfangen?“
„Übermorgen“, sagte Aloys Thanstettner, „morgen ist Kameradschaftsabend beim Winkler Joseph.“
„Dann kann ich also der Bundeskanzlerin signalisieren, dass Sie übermorgen nach Berlin kommen.“
„Ja freilich“, sagte der Thanstettner Aloys, „ich war noch niemals in Berlin.“
„Aber Sie haben doch außenpolitische Erfahrung?“ fragte der Büroleiter. „Sie waren doch sicher im außenpolitischen Ausschuss ihrer Ortsgruppe.“
„Nein, eigentlich nicht“, musste der Thanstettner Aloys bekennen. „Ich war mal zwei Jahre Kassier.“
Das würde schon passen, sagte der Büroleiter, aber Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft oder Vorsitzender der Deutsch-Britischen Parlamentariergruppe wäre besser.
Damit könne er leider nicht dienen, sagte der Aloys, ob die Sache damit gestorben wäre.
Ich fürchte ja, sagte der Generalsekretär, das Anforderungsprofil sähe diese Qualifikationen als conditiones sine quae non vor. Wirtschaftsminister könne schließlich nicht jeder Hansel werden.
„Schade eigentlich“, sagte der Aloys, „aber wirtschaften könnt’ ich schon.“
„Darauf“ sagte der Büroleiter, „kommts bei dem Job nicht an.“
„Es muss doch“, sagte der Generalsekretär, als sie wieder in ihrem Dienstwagen saßen, „in dieser verdammten Partei irgendjemand geben, der alle Vorgaben erfüllt.“
Der Büroleiter tippte eifrig auf seinem Notebook herum. „Chef!“ schrie er, als das Ergebnis seiner innerparteilichen Rasterfahndung auf dem Bildschirm erschien. „Wir haben auch einen!“
So kam es, dass der CSU-Generalsekretär Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg zwei Tage später Wirtschaftsminister wurde und nicht der Thanstettner Aloys, der seine Sache sicher gut gemacht hätte.